Von Katarina Groeger
Die erste Hitzewelle des Jahres 2026 in Europa war mehr als nur ein Wetterereignis. Für viele Menschen war sie eine persönliche Belastung durch ungewöhnlich hohe Temperaturen, einen gestörten Alltag und zunehmender Sorgen darüber, was die Zukunft bringen könnte. Für Unternehmen und Finanzinstitute ist sie zugleich eine eindringliche Erinnerung daran, dass klimabedingte physische Risiken längst keine fernliegende Möglichkeit mehr sind – sie beeinflussen bereits heute Volkswirtschaften, Geschäftsabläufe und Investitionsentscheidungen.
Seit Beginn des Sommers verzeichnen große Teile Europas immer wieder neue Temperaturrekorde. Frankreich registrierte kürzlich mit 43,8 °C die höchste jemals gemessene Temperatur, während Spanien die heißesten Junitage seiner Geschichte erlebte. Der Deutsche Wetterdienst gab für zahlreiche Regionen, darunter Frankfurt, Bonn und Köln, flächendeckend Hitzewarnungen heraus. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) warnt, dass die Temperaturen in vielen Teilen Europas weiterhin zwischen 3 °C und 10 °C über den saisonalen Durchschnittswerten liegen könnten.
Diese Entwicklungen verdeutlichen eine einfache Realität: Der Klimawandel ist kein Zukunftsthema mehr. Seine Auswirkungen sind bereits heute in ganz Europa spürbar, insbesondere durch den steigenden Druck auf Wasserressourcen, Beeinträchtigungen der Infrastruktur, sinkende landwirtschaftliche Erträge sowie zunehmende Herausforderungen für Unternehmen und lokale Gemeinschaften. Die Europäische Umweltagentur bezeichnet Europa als den sich am schnellsten erwärmenden Kontinent der Welt und weist darauf hin, dass Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen häufiger und intensiver werden. Wetter- und klimabedingte Extremereignisse haben die Mitglieds- und Kooperationsländer der EEA bereits erheblich belastet und zwischen 1980 und 2024 wirtschaftliche Schäden in Höhe von geschätzt 822 Milliarden Euro verursacht.
Südost- und Osteuropa: Resilienz in einem sich wandelnden Klima stärken
Für die Länder, in denen ProCredit tätig ist, sind die Folgen des Klimawandels besonders gravierend. Südost- und Osteuropa gehören zu den Regionen, die zunehmend von extremer Hitze, langanhaltenden Dürren und wachsender Wasserknappheit betroffen sind. Die Europäische Umweltagentur weist auf den erheblichen Dürredruck in Ost- und Südosteuropa hin, insbesondere für Landwirtschaft, Ökosysteme und Wasserressourcen.
Gleichzeitig rückt das Thema Klimaresilienz in der Region immer stärker in den Fokus von politischen Entscheidungsträger*innen, Aufsichtsbehörden und Zentralbanken. Klimawandel wird zunehmend nicht mehr nur als Umweltproblem betrachtet, sondern auch als Herausforderung für wirtschaftliche Stabilität, finanzielle Widerstandsfähigkeit und langfristiges Wachstum.
Nordmazedonien hat beispielsweise das Management von Klimarisiken und die Klimafinanzierung in die Strategie seiner Zentralbank integriert und arbeitet gemeinsam mit internationalen Partnern an der Stärkung der klimabezogenen Bankenaufsicht. Georgien wiederum hat seine Agenda für nachhaltige Finanzen durch Initiativen zum Klimarisikomanagement und Stresstests ausgeweitet, um die Widerstandsfähigkeit seines Finanzsektors zu stärken.
Relevanz für den Bankensektor
Für Banken gehen diese Entwicklungen weit über Umwelt- oder Klimaschlagzeilen hinaus. Sie beeinflussen zunehmend die Leistungsfähigkeit von Unternehmen, deren Investitionsverhalten sowie ihre Fähigkeit, Kredite zurückzuzahlen. Hitzewellen, Dürren und Wasserknappheit können die Produktion verringern, Betriebskosten erhöhen, Lieferketten unterbrechen und den Wert von Vermögenswerten mindern. Eine Landwirtin mit geringeren Erträgen aufgrund von Trockenheit, ein Lebensmittelverarbeiter mit Wasserrestriktionen oder ein Industrieunternehmen mit steigenden Kühlungskosten geraten dadurch unter Druck. Langfristig können solche Herausforderungen die Profitabilität, den Cashflow und die Rückzahlungsfähigkeit von Krediten beeinträchtigen.
Besonders relevant ist diese Entwicklung für Banken, die Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen (KKMU) finanzieren. Viele KKMU verfügen nur über begrenzte Ressourcen, um Klimarisiken zu bewerten, in Anpassungsmaßnahmen zu investieren oder Transformationspläne zu entwickeln. Gleichzeitig gehören sie häufig zu den Unternehmen, die den Auswirkungen des Klimawandels am stärksten ausgesetzt sind. Diese Unternehmen zu unterstützen ist daher nicht nur eine Frage der Verantwortung, sondern auch ein zentraler Baustein für die langfristige Widerstandsfähigkeit des Kreditportfolios.
Die Chance: Heute in Resilienz investieren
Die Chancen für Banken sind nicht nur reputationsbezogen, sondern auch finanzieller Natur. Investitionen in Klimaanpassung und Emissionsminderung können Unternehmen dabei helfen, Kosten zu senken, ihre Effizienz zu steigern, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks zu werden. Gleichzeitig profitieren Banken von einer höheren Widerstandsfähigkeit ihrer Kunden, einer besseren Rückzahlungsfähigkeit und einer höheren Qualität ihrer Portfolios. Das Potenzial ist beträchtlich: Nach Einschätzung der Boston Consulting Group könnten Investitionen in Anpassung und Resilienz Banken weltweit jährliche Erträge von 100 bis 130 Milliarden US-Dollar eröffnen.
Gerade in Südost- und Osteuropa sind diese Chancen besonders greifbar. Investitionen in Energieeffizienz, erneuerbare Energien, nachhaltige Landwirtschaft, Wassermanagement und klimaresiliente Infrastruktur gelten zunehmend als wirtschaftlich sinnvoll. Die Landwirtschaft ist hierfür ein besonders anschauliches Beispiel: Klimaresiliente Praktiken tragen dazu bei, Produktivität, wirtschaftliche Tragfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe und Ernährungssicherheit zu sichern.
Der ProCredit Ansatz
Unser Ansatz verbindet Finanzierung mit einer aktiven Begleitung unserer Kund*innen. Wir finanzieren Investitionen, die Unternehmen effizienter, wettbewerbsfähiger und widerstandsfähiger machen, darunter Projekte in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, nachhaltige Landwirtschaft und weitere umweltfreundliche Investitionen. Ende 2025 erreichte unser grünes Kreditportfolio ein Volumen von rund 1,4 Milliarden Euro und umfasste mehr als 10.000 grüne Projekte in unseren Märkten.
Gleichzeitig arbeiten wir eng mit unseren Kund*innen zusammen, um ihnen ein besseres Verständnis klimabezogener Herausforderungen zu vermitteln und praxisnahe Lösungen zu identifizieren, die ihre langfristige Leistungsfähigkeit stärken. Von Gesprächen über Klimarisiken und Dekarbonisierungspotenziale bis hin zu Transformationsplanung und CO₂-Fußabdruckanalysen mit unserem eigenen CO₂-Rechner besteht unser Ziel darin, Nachhaltigkeit in konkreten wirtschaftlichen Mehrwert zu übersetzen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei Branchen wie der Landwirtschaft, in denen Anpassungsmaßnahmen zunehmend entscheidend werden, um Produktivität zu sichern, Lebensgrundlagen zu schützen und die Geschäftskontinuität zu gewährleisten. In diesen Sektoren gehen Investitionen in Ressourceneffizienz und Resilienz häufig mit einer höheren Wettbewerbsfähigkeit einher.
Wichtig ist zudem, dass sich Resilienz auch finanziell auszahlt. Eine aktuelle interne Studie von ProCredit, die mehr als 150.000 Kreditnehmer*innen analysierte, zeigte, dass Kreditnehmer*innen mit grünen Krediten eine statistisch signifikant geringere Ausfallwahrscheinlichkeit aufwiesen als Kreditnehmer*innen ohne grüne Kredite.
Nachhaltige Investitionen sind zwar keine Garantie für ein geringeres Risiko. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass Unternehmen, die in Effizienzsteigerungen, erneuerbare Energien und resilienzfördernde Maßnahmen investieren, langfristig finanziell stärker aufgestellt sein können. Für Banken entsteht dadurch eine starke Interessenübereinstimmung zwischen Nachhaltigkeit, dem Erfolg ihrer Kund*innen und einer hohen Portfolioqualität.
Die erste Hitzewelle des Jahres 2026 hat die wachsenden wirtschaftlichen und finanziellen Risiken des Klimawandels deutlich gemacht – insbesondere in Südost- und Osteuropa, wo steigende Temperaturen und zunehmender Wasserstress bereits zentrale Wirtschaftssektoren beeinträchtigen. Da Aufsichtsbehörden Klimaresilienz zunehmend als Bestandteil finanzieller Resilienz betrachten, werden Anpassungs- und Minderungsmaßnahmen zu einem Kernthema des Bankgeschäfts. Sie helfen Kund*innen, Risiken zu reduzieren, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und langfristige Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Die Botschaft für Banken ist klar: Klimafinanzierung sollte nicht länger als Nischenaktivität im Bereich Nachhaltigkeit verstanden werden, sondern als strategische Chance, Kund*innen zu unterstützen, Portfolios zu stärken und die wirtschaftliche Resilienz insgesamt zu fördern.
Quellen:
• WMO – https://wmo.int/news/media-centre/el-nino-forecast-intensify-increasing-likelihood-of-extreme-weather
• UN News – https://news.un.org/en/story/2026/06/1167808
• European Environment Agency – https://www.eea.europa.eu/en/topics/in-depth/extreme-weather-floods-droughts-and-heatwaves
• European Environment Agency – https://www.eea.europa.eu/en/analysis/indicators/drought-impact-on-ecosystems-in-europe
• Copernicus Climate Change Service – https://climate.copernicus.eu/esotc/2024/heat-and-drought-southeastern-europe
• National Bank of the Republic of North Macedonia – https://climate-adapt.eea.europa.eu/en/metadata/publications/strategic-plan-2025-2027-national-bank-of-republic-of-north-macedonia
• European Investment Bank – https://www.eib.org/en/press/news/north-macedonia-advances-climate-finance-under-the-gfs-programme
• National Bank of Georgia – https://nbg.gov.ge/en/page/sustainable-finance-roadmap
• National Bank of Georgia – https://nbg.gov.ge/en/media/news/national-bank-of-georgia-launches-second-sustainable-finance-roadmap
• UNEP Finance Initiative – https://www.unepfi.org/climate-change/adaptation-finance/
• Boston Consulting Group – Climate Adaptation and Resilience Finance research and publications: https://www.bcg.com/capabilities/climate-change-sustainability
• European Environment Agency – Climate-resilient agriculture and adaptation publications: https://www.eea.europa.eu/en/topics/in-depth/climate-change-impacts-risks-and-adaptation